Risikoeinschätzung ist keine Schubladenware

In Vorbereitung auf die „GFT Innovation Lounge 2019“ am Dienstag, 22.10.2019, ab 17.30 Uhr bei GFT Technologies SE in Eschborn sprach ich mit Karl-Heinz Kern, General Manager Germany, GFT Technologies SE, über Risikowahrnehmung und Risikoeinschätzung

Herr Kern: Wenn Sie Ihre Kunden beraten, wie erklären Sie ihnen eigentlich den Begriff „Risiko“?
Gar nicht, zumindest nicht so explizit. Ich muss das in der Regel nicht erklären, weil meine Kunden ein eigenes Verständnis davon haben, was für sie – in ihrer individuellen Lage – ein Risiko ist. Unsere Kunden kommen ja aus vielen Bereichen, es sind Banken, Versicherer und Industrieunternehmen mit jeweils eigenen Risiken und eigenen Risikowahrnehmungen. Was allerdings grundsätzlich interessant ist: Oft beschäftigt man sich ganz zu Beginn eines Vorhabens mit den damit verbundenen Risiken. In diesem Rahmen entsteht eine profunde und solide Risikoeinschätzung – die allerdings nicht selten bis zum Ende des Vorhabens in die Schublade wandert. Genau dort gehört sie aber nicht hin, sie ist keine Schubladenware. Vielmehr sollte man sie in regelmäßigen Abständen und mit der gebührenden Ernsthaftigkeit herausholen, überarbeiten und die eigenen Handlungsoptionen entsprechend anpassen. Die Risikoeinschätzung darf keine statische Pflichtübung sein, sondern muss als aktives Arbeitsmittel im Projektalltag verankert werden.

Und wie unterstützen Sie Ihre Kunden dabei, Risiken effektiver zu managen?
Wir helfen unseren Kunden in doppelter Weise. Zum einen im Projektmanagement: In der Regel führen wir bei ihnen Software Engineering-Projekte durch. Bekanntermaßen haben Softwareprojekte den Ruf länger zu dauern, mehr zu kosten und weniger zu liefern als geplant. Um genau das zu verhindern, planen und steuern wir unsere Kundenprojekte sehr stringent, auch wenn wir dadurch im Projektverlauf manchmal als Spaßbremse auftreten und von allen Beteiligten anstrengenden Einsatz fordern müssen.
Zum anderen helfen wir unseren Kunden aber auch dabei, mit den Risiken in ihrem Kerngeschäft besser umzugehen. Beispielsweise haben wir für einen Bankkunden, der viel mit Wertpapieren arbeitet, eine fachlich sehr ausgefeilte Lösung zum Umgang mit dem sogenannten Marktrisiko entwickelt – das ist Risikomanagement durch Schadensvermeidung. Ein anderes Beispiel betrifft einen Versicherungskunden, für den wir eine völlig andere Risikomanagement-Lösung entwickelt haben, eine zur Minimierung des Betrugsrisikos bei der Geltendmachung von Versicherungsschäden. Mit Hilfe sehr vieler Daten und unter Verwendung von Künstlicher Intelligenz ist es uns gelungen, das Betrugsrisiko deutlich zu verringern. Der Nutzen ist konkret in Euro messbar, denn der betreffende Versicherer vermeidet die Auszahlung von unrechtmäßigen Leistungsforderungen im Schadensfall.

Welche Affektheuristiken verzerren die Risikowahrnehmung in Ihrer Branche?
Vielleicht kurz zur Klärung: Unter Affektheuristik verstehe ich eine Denkweise zur Risikobeurteilung, die sich auf Gefühlslagen verlässt. In Softwareprojekten begegnen wir dem oft, vor allem wenn es um die Einschätzung der sogenannten „Kritikalität“ von Risiken geht. Spannend dabei: Risiken, die bei Eintritt das Ansehen eines Menschen, seine Karrierechancen, ja sein „Überleben“ in einer Organisation beeinträchtigen, werden meist kritischer gesehen als Risiken, die bei Eintritt finanzielle Auswirkungen haben. Wobei diese beiden Aspekte natürlich häufig korrelieren. Man könnte es so auf den Punkt bringen: Gesichtsverlust geht vor Geldverlust.
Eine andere Art der Affektheuristik beobachte ich oft, wenn wir Kunden ein neues, innovatives Vorgehen vorschlagen. Dann kommt gern der Reflex: „Ach, sowas haben wir schon mal probiert, das hat bei uns nicht geklappt“ – da muss man sich gut überlegen, wie man reagiert. Hier haben wir es allerdings eher mit der Bereitschaft zu einem Wagnis, nicht so sehr mit dem Eingehen eines Risikos zu tun. Ein Risiko ist in meinem Verständnis eine Gefahr, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintritt. Bei einem Wagnis geht es darum, ob man sich etwas traut in der Hoffnung auf Ertrag oder Erfolg – also darum, ob man wagemutig ist oder nicht.

Herr Kern, herzlichen Dank für die Einsichten. Ich freue mich auf unser Treffen auf der GFT Innovation Lounge am 22. Oktober.